Crassulaceae – ein dickes Wunder
Text und Bilder: Ulrike Matter
Crassulaceae, auf Deutsch Dickblattgewächse, haben ihre gesamte Physiologie auf eine geringe Wasserzufuhr ausgerichtet. Weltweit gibt es etwa 1500 Arten und mit Ausnahme der Antarktis wachsen sie auf jedem Kontinent. Innerhalb dieser Familie finden sich auch die in der Schweiz wachsenden Hauswurze (Sempervivum) und die Fetthennen (Sedum).
Barba Jovis, den Jupiterbart, so nannten die alten Römer die Hauswurz. Denn schliesslich hatte niemand Geringeres als der Donnergott Jupiter persönlich den Römern die Hauswurz geschenkt.
Der Hauswurz kamen später auch noch kaiserliche Ehren zugute: Da man früher davon ausging, dass die Dachhauswurz (Sempervivum tectorum) vor Blitzschlag schützte, wies einst Karl der Grosse seine Pächter in seiner „Landgüterverordnung“ („Capitulare de villis“) an, sie auf alle Dächer zu pflanzen. Da es absolut unmöglich ist, dass sich Karls Wege jemals mit denen der Hildegard von Bingen gekreuzt haben, hatte er nicht wissen können, dass die Äbtissin die Hauswurz als Aphrodisiakum für ältere Männer empfahl. Doch vielleicht war ihm – abgesehen vom Blitzschutz – diese spezielle Wirkung der Hauswurz ohnehin bekannt, eingedenk seiner achtzehn ehelichen Nachkommen und einer unüberschaubaren Anzahl unehelich gezeugter Kinder.
Das einfachere Volk las ganze Schicksale aus der Hauswurz und ihrem Wuchs. Eine blühende Rosette brachte Unglück, ein langer Blütentrieb kündigte wichtige Ereignisse an, weisse Blüten einen Todesfall, rote hingegen etwas Freudiges. Die Dachhauswurz blüht manchmal weisslich-rosa – viel Raum für Interpretationen. In der heutigen Volksmedizin soll eine Salbe aus Hauswurzblättern und verschiedenen Ölen bei Schwellungen und Sonnenbrand helfen.
Gebaut, um Wasser zu sparen
Crassulaceae haben wasserspeichernde (sukkulente) Blätter, die dementsprechend auch dicker sind. Ihre Blätter haben ausserdem noch eine dicke Cuticula (Wachsschicht) und sie besitzen keine Nebenblätter. Sie sind oft Xerophyten, das bedeutet, dass sie sich an trockene und heisse Standorte angepasst haben.
Hauswurze bilden immer eine Rosette, aus der im Sommer der Blütenstand wächst. Blütenstand und Rosette sterben anschliessend ab. Diese Pflanzen nennt man in der Fachwelt hapaxanth (aus dem Altgriechischen: hapax bedeutet einmal und anthos ist die Blüte). Hapaxanthe Pflanzen blühen und fruchten dementsprechend nur einmal in ihrem Leben. Die tote Hauswurz lebt aber in ihren Nachkommen in Form von Tochterrosetten weiter, die sie vorher schon gebildet hatte.
Fetthennen wachsen oft in Matten und haben nur dünne Faserwurzeln, also keinen richtigen Wurzelstock. Im Sommer und Herbst blühen die Fetthennen, und im Gegensatz zur Hauswurz geht für sie das Leben auch anschliessend weiter. Fetthennen und Hauswurze gelten als Pionierpflanzen. Hierzulande werden sie häufig für die Dachbegrünung eingesetzt.
Ein kurzer Ausflug in die Physiologie
Crassulaceen haben eine besondere Art der Fotosynthese. Man erinnere sich: Die Durchschnittspflanze nimmt tagsüber Kohlendioxid aus der Luft durch ihre Spaltöffnungen (Stomata) auf und bildet daraus Sauerstoff. Dieser entweicht dann wieder durch die Spaltöffnungen der Blätter. Durch die Spaltöffnungen kann die Pflanze sich auch kühlen, indem sie Wasserdampf in die Umgebung abgibt, sie schwitzt sozusagen.
CAM (Crassulaceaen Acid Metabolism) Pflanzen nehmen Kohlendioxid nachts auf und speichern es in Form von Äpfelsäure. Tagsüber können sie dann das so gespeicherte Kohlendioxid für ihre Fotosynthese nutzen. Ihre Spaltöffnungen bleiben also des Tags geschlossen, was den Wasserverlust minimiert. Was im Umkehrschluss auch heisst, dass Staunässe der Dickblattpflanze Tod bedeutet.
Der Vollständigkeit halber sollte erwähnt werden, dass nicht nur die Crassulaceen, sondern auch Bromelien wie die Ananas, ein paar Orchideenarten wie beispielsweise die Vanille oder Kakteen zu den CAM-Pflanzen gehören.
Arten in der Schweiz
Die Weisse Fetthenne (Sedum album) trifft man an vielen Orten. Oben in den Bergen bis zu 2500 m ü. M., in Felsspalten, auf steinigem Schotterboden und auf begrünten Dächern. Wichtig ist sie als Futterpflanzen für Schmetterlingsraupen des Fetthennen-Bläuling (Scolitantides orion) oder des Roten Apollo (Parnassius apollo). Auch die Felsen-Fetthenne (Petrosedum rupestre) ist Futterpflanze für den Roten Apollo. Allgemein sind Fetthennen eine wichtige Nahrungsquelle für Insekten. Die Felsen-Fetthenne ist übrigens essbar und ist unter dem Namen Tripmadam als Küchenkraut mehr oder weniger bekannt.
Der Scharfe Mauerpfeffer (Sedum acre) wächst gerne an den Orten, wo auch die Weisse Fetthenne sich wohlfühlt. Scharf heisst er, weil seine Blätter nach einigem Kauen eine scharf schmeckende Flüssigkeit (Sedamin) absondern. Da die Giftigkeit des Scharfen Mauerpfeffers bereits hinreichend belegt ist, sollte von Eigenversuchen abgesehen werden, auch wenn er in der Volksmedizin einst Karriere gemacht hatte.
Rhodiola rosea, der Rosenwurz, ist eine Art, die eher im Gebirge zu finden ist. Der Rosenwurz gilt als alte Heilpflanze, deren nach Rosen duftende Wurzeln die Ausdauer stärken sollen.
Das Kaukasus-Fettkraut (Sedum spurium) ist mittlerweile auch in der Schweiz zu Hause. Nicht von Jupiter gesandt, sondern einst in Ziergärten gepflanzt, hat es sich auf den Weg gemacht, das Land zu erobern. Es ist vergleichsweise wüchsig, bildet Ausläufer und kann heimische Arten verdrängen. Schmetterlinge und Bienen schätzen das Kraut, Artenschützer hingegen haben den Bann des „invasiven Neophyten“ über die Pflanze gesprochen. Das Kaukasus-Fettkraut scheint das nicht zu stören – es ist (wie alle Neophyten) gekommen, um zu bleiben, Jupiter hin, Artenschutz her.