Misteln – Vom Eichenhain ins Labor
Ach, was wäre nur aus dem kleinen gallischen Dorf ohne Miraculix’ Zaubertrank geworden? Eine der wichtigsten Zutaten dieses Wundergetränks war bekanntermassen die Mistel (Viscum), geschnitten mit einer goldenen (!) Sichel. Ob es diese zwingend benötigte, weiss man nicht so genau, aber sie trug immerhin zur Legendenbildung bei.
Schon vor etwa 2000 Jahren berichtete der römische Geschichtsschreiber Plinius der Ältere in seiner „Naturalis historia“ von den gallischen Druiden, die hoch oben in den Bäumen mit goldenen Sicheln Misteln schnitten. Das Problem dabei war, dass sich die Druiden auf Misteln, die auf Eichen wuchsen, eingeschossen hatten – und die gab und gibt es tatsächlich nicht sehr häufig. Misteln bevorzugen als Halbschmarotzer (was für ein unheiliges Wort!) weniger die Bäume im Waldverbund. „Meistens mehr Einzel- oder Randbäume“, so Prof. Dr. Andreas Rigling, Dozent am Departement Umweltsystemwissenschaften von der ETH Zürich. Was allerdings nicht an der Mistel selbst, sondern an der Art ihrer Verbreitung liegt. Für diese ist die Mistel nämlich auf Vögel und deren Verdauung angewiesen.
Die hiesig vorkommende Mistel (Viscum album) ist in drei Unterarten eingeteilt: die Tannenmistel, die Föhrenmistel und die Laubholzmistel. Die Laubholzmistel bevorzugt dabei Pappeln, Weiden, Linden, Ahorn usw., wächst aber nicht auf Buchen. Warum? Da kann auch Rigling nur mutmassen: „Die Buche ist eventuell bei den Vögeln nicht so beliebt, vielleicht haften die Samen auch nicht so gut auf der glatten Rinde“, versucht er eine Erklärung. Es ist also nicht so, dass eine Baumart Schwert und Schild beziehungsweise Abwehrstoffe irgendeiner Art zücken kann, um die Mistel abzuwehren.
Auf dem Vormarsch
Die Mistel ist eine langsam wachsende, zweihäusige Pflanze, das heisst, es gibt weibliche und männliche Misteln. In Europa kommen von den etwa siebzig Mistelarten nur zwei vor, in hiesigen Breiten (bislang) nur die mit den weissen Beeren mit ihren drei oben genannten Unterarten. Misteln profitieren dabei von den immer wärmer werdenden Jahren. Eine Studie von Anfang der 2000er-Jahre zeigte, dass sich die Mistel in höhere Lagen ausbreitete, ab einer Höhe von 1200 m ü. M kamen Misteln nur noch in Süd- und Westlagen vor. Rigling geht davon aus, dass sich diese Ausbreitung mittlerweile fortgesetzt hat. „Auch in Andalusien ist die Mistel schon in die höheren Lagen der Sierra Nevada vorgedrungen, sie ist auch weiter nach Norden gewandert“, erklärt er. In den ausgedehnten Föhrenwäldern Polens sei die Mistel ein grosses Thema. Die Gründe für diesen Vormarsch seien vielfältig, so Rigling. So seien die Temperaturen im Januar, wenn die Mistelbeeren reifen, wärmer – was der Mistel natürlich zugutekäme. „Die Vögel, die die Mistelsamen übertragen, ziehen offenbar auch weniger in den Süden, so werden die Samen auch häufiger verbreitet“.
Die Mistel als Problempflanze
Verschiedene Vogelarten sind an der Verbreitung der Mistel beteiligt: Misteldrossel, Mönchsgrasmücke, Seidenschwanz und andere ernähren sich von den Beeren der Mistel. Deren Samen passieren dabei einmal den Verdauungstrakt der Vögel und landen dann – je nachdem, wo der Vogel schlussendlich sein Geschäft verrichtet – auf dem gleichen Baum oder auf einem anderen.
Hat sich eine Mistel mal auf einem Baum eingenistet, werden ihre Saugwurzeln (Haustorien) vom Holz überwachsen und zapfen dann dort den Wirtsbaum an.
Sie betreibt zwar ihre eigene Fotosynthese, was die Mistel vom Baum allerdings benötigt, ist Wasser. „Wenn der Baum genügend Wasser hat, ist das kein Problem, auf einen vitalen Baum hat die Mistel, abgesehen von zu starker Beschattung des Wirtsbaumes, wenig Effekt“, so Rigling.
Leidet ein Baum aber unter Trockenheit, schützt er sich mit geschlossenen Spaltöffnungen (Stomata) vor Verdunstung. Die Mistel hingegen transpiriert unbeirrt weiter. „Sie verstärkt so den Trockenstress des Baums“, erklärt Rigling.
Um einen Baum zu retten, reicht es nicht, die Mistel zu entfernen. „Das kann dem Baum vorübergehend helfen“, wie Rigling sagt, „aber es löst nicht das Problem, da die Wurzeln der Misteln unter der Rinde verbleiben“. Es sei wohl auch nicht praktikabel, schliesslich wüchsen die Misteln meist hoch oben in den Baumwipfeln.
Ein paar wenige Misteln steckt ein Baum also weg, ein paar mehr beeinträchtigen den Wuchs und ein paar zu viel bringen den Baum zum Absterben. Was nicht sehr vorausschauend von der Mistel ist, denn stirbt der Wirtsbaum, geht es auch mit ihr zu Ende.
Bevor man die Mistel nun verteufelt, sollte an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass die Mistel zum einen nur ein Symptom unserer sich rasant ändernden klimatischen Verhältnisse ist, zum anderen auch ihre positiven Seiten hat. „Sie ist Teil der Vegetationsdynamik und trägt zur Vielfalt der Wälder bei“, so Rigling.
Mistel und Medizin
Plinius der Ältere beschrieb in seiner „Naturalis historia“, wie das damals ablief mit dem Mistelschneiden durch die Druiden, die die Mistel als «alles Heilende» bezeichneten. Den ganzen Vorgang mit weissen Tüchern, goldenen Sicheln und weissen Opferstieren bezeichnete er als «Aberglauben der Völker in nichtige Dinge». Von derlei harten Urteilen liess sich Rudolf Steiner seinerzeit nicht abschrecken, seine anthroposophische Philosophie legte den Grundstein für die Anwendung der Mistel in der Krebstherapie.
Der endgültige wissenschaftliche Nachweis für die Wirksamkeit der Mistel in der Tumorbehandlung steht nach wie vor aus. In den Presssäften der Mistel enthaltene Lektine und Viscotoxine haben allerdings in in vitro Versuchen Zellkulturen abgetötet und Immunzellen stimuliert. Ganz daneben schienen also die Druiden und alten Ärzte und Heiler nicht zu liegen.
Misteln und Kultur
Kulturhistorisch gesehen hat die Mistel eine bewegte Geschichte. So ist sie zwar als Glücksbringer und Schutz- und Heilkraut bekannt, ein Pfeil aus ihrem Holz war allerdings am Meuchelmord des nordischen Gottes Baldur beteiligt. Im Mittelalter konzentrierte man sich dann aber auf die positiven Seiten der Mistel und vertrieb mit ihrer Hilfe Hexen und böse Dämonen. Räucherungen mit Mistelkraut versprachen Schutz und positive Energie, gleiches wird heute noch dem zur Weihnachtszeit über der Tür aufgehängtem Mistelzweig zugeschrieben. Das Küssen unter dem Mistelzweig stammt noch aus Zeiten, in denen man sich nicht öffentlich und/oder unverlobt küssen dürfte.
Die weissen Opferstiere haben die Autoren von Asterix und Obelix weggelassen, goldene Sichel und weisse Gewänder wurden allerdings zum Markenzeichen von Miraculix. Und seine Misteln erlangten weltweiten Ruhm.