Moos – der übersehene Schatz
In der japanischen Gartenkultur wird Moos verehrt und akribisch gepflegt. Hierzulande ist das weniger der Fall – und doch beflügeln wenige Dinge in einem Wald die Fantasie so, wie ein moosbedeckter Boden oder moosbewachsene Bäume und Baumstrünke. Moose sind kleine Pflanzen mit grosser Persönlichkeit.
„Unter idealen Bedingungen ein bis zwei Jahre“, antwortet Dr. Norbert Schnyder auf die Frage, wie lange es denn nun dauern würde, bis man Moos ansetze, während man auf etwas oder jemanden wartet. Schnyder ist Moosexperte und arbeitet auch im Pensionsalter noch zeitweise an der Forschungsstelle für Umweltbeobachtung (FUB) in Rapperswil, Moose sind eben seine Passion. Eine ähnliche Frage wie oben wurde ihm übrigens vor ein paar Jahren vom Rechtsmedizinischen Institut Bern gestellt, dabei war es um verkohltes Holz nach einem Brandfall im Wald gegangen. Für eine zeitliche Bestimmung dieser Art eignen sich Moose allerdings weniger, da ihr Wachstum von zahlreichen Umweltfaktoren abhängt.
Evolution im Schnelldurchlauf
Moose gibt es schon sehr, sehr lange, seit etwa 450 Millionen Jahren: «Sie gehören zu den ersten Landpflanzen», so Schnyder. Damals hatten Algen die Gezeiten genutzt, um auch ausserhalb des Wassers ihre Zelte aufzuschlagen. Sie entwickelten sich dann zu Moosen weiter und diese wurden schliesslich zu einer Grundlage für weitere Lebensformen.
Auf Moosen ist schon alles herumgelaufen, was je an Leben auf diesem Planeten existiert hat. Doch ihre Geheimnisse lassen sie sich nur ganz allmählich entlocken: Hatte man vor nicht allzu langer Zeit Moose in Laub-, Horn- und Lebermoose eingeteilt, weiss man heute, dass zumindest die Hornmoose nicht so eng mit den beiden anderen verwandt sind. „Sie verbindet der Lebenszyklus, der bei allen gleich ist“, erklärt Schnyder. Die Frage, wie viele Arten von den etwas um die 20’000 weltweit vorkommenden Moosarten nun in der Schweiz wachsen, beantwortet Schnyder mit „etwa 1’100“. Wobei das Gegenstand andauernder Untersuchungen sei, denn sie würden immer wieder anders aufgeteilt.
Das BILLY-Regal der Pflanzenwelt
Moose sind sehr einfach gebaut, sie haben keine Leitbahnen wie die höheren Pflanzen, um Nährstoffe und Wasser zu transportieren. „Sie nehmen alles über ihre Oberfläche auf“, sagt Schnyder. Moose haben auch keine Blüten, keine Samen und keine Wurzeln. Und genau diese Einfachheit ist ihre Erfolgsstrategie. Ein paar Regentropfen reichen aus, um den Fortpflanzungsmechanismus in Gang zu setzen. Dieser hat es allerdings verständnistechnisch in sich. Das Fachchinesisch mit diploidem und haploidem Chromosomensatz lassen wir an dieser Stelle einmal grosszügig weg.
Lebenszyklus
Moose haben wie Farne und Flechten einen Generationenwechsel – eine geschlechtliche Generation wechselt sich mit einer ungeschlechtlichen ab. Zunächst einmal bilden Moose ungeschlechtliche Sporen, aus denen Vorkeime (Protonemae) und schliesslich die Moospflanze (Gametophyt) wachsen. Die Moospflanze bildet dann männliche und weibliche Geschlechtsorgane aus. Es folgt die geschlechtliche Vermehrung, bei der Männlein via Wassertropfen (Spermatozoiden) Weiblein (Eizellen) erreicht. Nach der Befruchtung wachsen lange Fäden aus dem Moos gen Himmel, an deren Spitze sich kleine Kapseln befinden (Sporophyten). Diese Kapseln öffnen sich schliesslich und setzen Sporen frei, aus denen kleine Moosbabies heranwachsen. Allerdings sollte dabei erwähnt werden, dass der vegetativen Vermehrung, also das Heranwachsen einer neuen Pflanze durch eine Art Ableger, die grössere Bedeutung zukommt. Ist kein andersgeschlechtlicher Moospartner und/oder kein Wasser vorhanden, muss sich eben ein abgefallenes Blättchen oder sonst ein Teil der Moospflanze neu erfinden. Moose können sich aus einem winzigen Bruchstück ihrer selbst wieder regenerieren. Das verdanken sie einem bestimmten Zelltyp, der nur in Farnen, Algen und Moosen vorkommt: der Scheitelzelle. Sie funktioniert ähnlich den menschlichen Stammzellen.
Faszinierender Fakt: Das, was wir als Baum kennen, ist ein Sporophyt, also das Äquivalent zu den dünnen braunen Hälmchen, die bei Moosen an der Oberfläche zu sehen sind.
Der Kuss des Prinzen
Moose sind Heimat für zahlreiche Wesen wie kriechende Springschwänze oder Hornmilben, Fadenwürmer, Rädertierchen, Milben, Krebse oder Bärtierchen, die schon im Flechtenartikel erwähnt wurden. Diese wiederum sind Nahrungsgrundlage für andere Lebewesen wie Amphibien oder Vögel. Moose spielen eine wichtige Rolle im Wasserhaushalt, im Erosionsschutz und in der Bodenbildung.
Moose haben viele Gemeinsamkeiten mit Flechten: Auch sie sind wechselfeuchte Organismen. Und wie Flechten können sie Lebensräume besiedeln, in denen höhere Pflanzen schlechte Karten haben. Wie Flechten sind Moose auch noch bei einer Temperatur um den Gefrierpunkt herum physiologisch aktiv. Und auch sie können im Dornröschenschlaf fast ewig ausharren. So hatten Forscher in Kanada ein Moos weiter kultivieren können, das 2000 Jahre unter Eis auf den wässrigen Kuss des Prinzen gewartet hatte.
Aber Flechten und Moose „sind keine Freunde“. Auch bei ihnen gebe es durchaus Konkurrenzverhältnisse, erklärt Schnyder.
Schadstoffindikator Moos
Moose binden alle möglichen Schadstoffe aus Luft und Wasser. Bei der FUB macht man alle fünf Jahre im Auftrag des Bundes ein Biomonitoring bei Moosen, um die Umweltbelastung durch Schwermetalle im Blick zu behalten. So hat man herausgefunden, dass der Bleigehalt in den Moosen seit Einführung des bleifreien Benzins signifikant zurückgegangen ist.
Die immer noch hohe Stickstoffbelastung in der Luft und der Klimawandel kommen manchen Moosarten zugute (anderen wiederum nicht).
„Epiphytische Arten (das sind die, die auf Bäumen wohnen, Anm. der Autorin) haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen, weil sie von der Düngung aus der Luft profitieren“, so Schnyder. Er erzählt auch, dass in den vergangenen Jahren die wärmeliebenden Moose aus dem mediterran-atlantischen Raum eingewandert sind und nun die kontinentalen Arten zurückdrängen. Als Beispiel sei hier das „Kegeldeckelige Jochzahnmoos“ genannt, dessen lateinischer Name Zygodon conoideus fast leichter über die Lippen geht.
Heilende Kräfte
Im Ersten Weltkrieg (vor Penicillin und Co) hatte man das Torfmoos Sphagnum als Verbandmaterial eingesetzt, welches mit seinen antibiotischen Wirkstoffen half, Wunden zu versorgen. Extrakte aus Moosen haben sich auch an weiteren Stellen bewährt: Die Terpenoide der Moose schützen andere Pflanzen vor Pilz- und Schneckenbefall. Auch in der Humanmedizin hat ein Protein des Kleinen Blasenmützenmoos Physcomitrella die Phase I der klinischen Studien in der Therapie des Morbus Fabry (eine genetisch bedingte Stoffwechselerkrankung) überstanden. Inzwischen machen Moose auch in der Beauty-Industrie Karriere – als Anti-Aging Salbe oder Shampoo gegen Ekzeme. „Ob das hilft?“, fragt sich nicht nur Schnyder.
Gletschermäuse
Islandreisende haben sie vielleicht schon gesehen, die Moosbällchen, die auf den dortigen Gletschern wachsen und wandern, Gletschermäuse genannt. Man muss allerdings nicht bis Island reisen, denn: „Auf dem Aletschgletscher gibt es eine Mittelmoräne, wo man diese Moose hat wandern sehen“, erzählt Schnyder. Sie seien nicht ganz so spektakulär wie die isländischen, aber immerhin gäbe es sie auch in der Schweiz.
Ohne Moos nix los
Ohne Moose hätte die Evolutionsgeschichte wohl einen anderen Verlauf genommen. Man nimmt an, dass sie vor all den Millionen Jahren über ihre Fotosynthese den Anteil an Sauerstoff in der Atmosphäre signifikant erhöht haben. Vielleicht gäbe es uns gar nicht ohne Moose?
Schnyder merkt zum Schluss noch an, dass Moose dort, wo es ihnen gefällt, immer wieder kommen und man sich an ihnen erfreuen solle, im Garten ohnehin. Und: „Man hat herausgefunden, dass sie auch alte Gemäuer schützen, die Sandsteinmauern, die man in Zürich mit dem Hochdruckreiniger von Moosen befreit hatte, waren im besseren Zustand als die ohne Moose“.
Herzlichen Dank an dieser Stelle an Dr. Norbert Schnyder für Zeit und Fachwissen sowieso, aber auch für die Hilfe bei der Bestimmung der Moose.