Einheimische Orchideen – mystische Schönheiten

Text und Bild: Ulrike Matter

 Von opulenten Prachtgewächsen aus fernen Ländern über pinke Farbtupfer auf heimischen Wiesen bis zum unscheinbaren Gewächs im finsteren Tann – Orchideen haben viele Gesichter. Von den weltweit bis zu 30,000 Arten wachsen etwa siebzig in der Schweiz. Aufgrund ihrer speziellen Bedürfnisse kann man sie nur noch an wenigen Standorten bewundern.

Orchideen sind die zweitgrösste Pflanzenfamilie der Blütenpflanzen. Sie kommen auf fast allen Kontinenten vor (Ausnahmen ist die Antarktis), die grösste Artenvielfalt findet sich allerdings in den Tropen und Subtropen, wo Orchideen als Epiphyten (Aufsitzerpflanzen) auf Bäumen und Sträuchern wachsen. Die Orchideen der Schweiz allerdings leben terrestrisch, will heissen, sie haben ein in der Erde verankertes Wurzelwerk.

Standorte der Orchideen sind naturnahe Wälder oder sonnige, kalkhaltige und vor allem magere Wiesen. Womit schon erklärt wäre, warum Orchideen mittlerweile selten vorkommen.

Komplexes Beziehungsgeflecht

Generell bevorzugen Orchideen, ob exotisch oder einheimisch, eine Art „liebevolles Vergessen“. Sie wollen in Ruhe ihrem Orchideenleben nachgehen, von dem sich ein ganzer Teil im Verborgenen abspielt: Orchideen brauchen bestimmte Bodenpilze (Mykorrhiza), um sich vermehren zu können. In der Zeit vom Samen bis zum ersten Blatt, was einige Jahre dauern kann, sind sie vollkommen auf die Mykorrhiza angewiesen – blattlose Arten wie die Korallenwurz (Corallorhiza trifida) oder der Blattlose Widerbart (Epipogium aphyllum) sogar ihr ganzes Orchideenleben lang. Diese haben nämlich kein Chlorophyll (und sind dementsprechend auch recht farblos) und schmarotzen an der Mykorrhiza. Die wiederum lebt eigentlich in Symbiose mit einem Baum, und die Orchidee profitiert als Dritte im Bunde von dieser Partnerschaft. Hier ist die Grenze zwischen Symbiose und Parasitismus fliessend.

Um die Mykorrhiza an dem ihr vorgesehenen Platz zu behalten und eine übermässige Besiedlung zu verhindern, bilden Orchideen Phytoalexine. Diese verhindern, dass die Mykorrhiza in die ganze Pflanze einwächst.

Gefährdete Schätze

Auch wenn die Beziehung zwischen Pflanze und Pilz sehr kompliziert erscheint – sie können nicht ohne einander. Schon allein deswegen sind alle Versuche, eine wilde Orchidee auszugraben und im eigenen Garten anzusiedeln, zum Scheitern verurteilt, abgesehen davon, dass es verboten ist. Das Schweizer Bundesamt für Umwelt hat alle einheimischen Orchideen unter Schutz gestellt. Ein Grossteil der Arten gilt als potenziell bis stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Was unter Umständen auch an der Mykorrhiza liegt, die keine Nährstoffe verträgt und der allein schon der in der Luft befindliche Stickstoff schaden kann.

Täuschender Schuh

Frauenschuhe benötigen Insekten wie die Sandbiene zur Bestäubung (die Aschgraue Sandbiene Andrena cineraria ist übrigens Biene des Jahres 2025). Sandbienen werden von Farbe und Duft angezogen und sitzen dann erst einmal im Schuh fest. Statt des aus der Ferne versprochenen Nektars überzieht sie ein öliger Film. Irgendwann finden die Insekten dann wieder hinaus, vorbei an Narbe und Staubblättern des Frauenschuhs, der so seine Pollen auf Weiterflug schickt. Es kann allerdings auch passieren, dass die ohnehin schon betrogene Sandbiene einer hungrigen Spinne zum Opfer fällt, denn die warten gerne im Schuh auf besagte Sandbienen.

Noch mehr Bestäubungstaktiken

Viele Orchideen strömen Düfte von Honig oder Vanille oder vergleichbar Köstlichem aus, manche locken sogar mit Pheromonen arglose Insekten an. Die weit geöffneten Blüten der Spinnenragwurz und der Fliegenragwurz (Gattung Ophrys) locken sogar nicht nur mit Sexuallockstoffen, sondern ähneln weiblichen Sandbienen bzw. Grabwespen.

Einige Arten der Waldvöglein (Cephalanthera) hingegen halten sich da bedeckt: Sie sind selbstbestäubend und somit nicht auf Insektenbesuch angewiesen. Das kann man gut am Weissen Waldvöglein (Cephalanthera damasonium) sehen, dessen Blüten ganz geschlossen bleiben.

Das Reich der Legenden

Das auf Wiesen auch immer wieder zu findende Knabenkraut (Orchis) galt früher wegen seiner hodenförmigen Knolle als Aphrodisiakum. Und ein griechischer Naturheilkundler stellte einige Jahrhunderte vor Christus die These auf, dass, wenn Frauen die grössere der beiden saftigen Knabenkrautknollen ässen, sie einen Knaben gebären würden (daher der Name). Beide Thesen halten allerdings keiner wissenschaftlichen Überprüfung stand.

Am besten schützen kann man Orchideen, indem man möglichst wenig unternimmt. Vorgegebene Wege nutzen, um nichts zu zertreten, Hunde für ihr Geschäft woanders hinführen wegen des Nährstoffeintrags, und ja niemals eine Pflanze ausreissen oder ausgraben. Eine späte Mahd schliesslich (erst im Juli) gibt den empfindlichen Pflanzen genügend Zeit, ihre Samen auszubilden. Dann kommen sie auch im Folgejahr wieder.