Larix decidua – die Lichthungrige

In den Bergen ist sie zu Hause. Sie wächst dort, wo es anderen Bäumen zu trocken, zu kalt, zu stürmisch und zu einsam ist – die Lärche (Larix decidua). Eine lange Geschichte verbindet sie mit uns Menschen.

Sie wächst bevorzugt in den Höhenlagen zwischen 1400 und 1500 Metern, kann aber auch in deutlich höheren Lagen (2500–2800 m ü. M) wachsen, je nach Standortbedingungen. Sie bevorzugt durchlässige Böden, am liebsten in Hanglage. In den tieferen Lagen konkurriert sie mit Fichte und Tanne, hat diesen beiden gegenüber aber einen entscheidenden Vorteil: Sie ist nicht gefährdet durch Schneebruch, und mit ihren tiefgehenden Herzwurzeln hält sie auch stärkeren Stürmen stand – eine Lärche wirft so schnell nichts um. Sie lebt in Symbiose mit verschiedenen Mykorrhizapilzen wie dem Goldröhrling (Suillus grevillei) und dem Grauen Lärchenröhrling (Suillus viscidus). 

Hartes Holz, weiche Nadeln

Als angepflanzter Wirtschaftsbaum kommt die Lärche auch in Mischwäldern ausserhalb ihrer natürlichen Verbreitung vor. Dort setzt ihr der Klimawandel recht zu, denn es ist der Lärche dort zu heiss und zu feucht. Dass man sie an einem anderen Ort als in ihrem natürlichen Habitat setzt, ist in ihrer Holzqualität begründet. Lärchenholz ist wetterbeständig, schwer und nach der Eibe das härteste europäische Nadelholz. Ja, die Lärche ist ein Nadelbaum, der einzige, der im Winter so kahl ist wie sonst die Laubbaum-Verwandtschaft. Und wie diese zieht sie auch alle Nährstoffe aus ihren Nadeln, bevor diese als weicher, gelber Teppich den Waldboden bedecken. Ohne die Nadeln ist die Lärche sicher vor Frost und Verdunstung, und, wie bereits erwähnt, vor Schneebruch. Der lateinische Name «decidua» heisst auch übersetzt «herabfallend».

Auch die Lärche wird gelegentlich von Unbill heimgesucht: Lärchenwickler, Lärchenbockkäfer, Lärchenkrebs durch einen Pilz namens Lachnellula willkommii und sonstige Schädlinge fallen über einen geschwächten Baum her und beenden sein irdisches Dasein.

Plinius und die Lärchensalbe

Allerhand Geschichten ranken sich selbstredend um die Lärchen. So hiess es einst und mancherorts auch noch heute, dass in den Lärchenwäldern salige Frauen leben würden. Schöne, scheue Wesen, die bei der Feldarbeit helfen. Und das freiwillig.

Ausserdem sollten Lärchenzweige, aufgehängt in der Walpurgisnacht, Haus und Hof schützen. Als sogenannte Hexenrüttel bekannt, sollten die Zweige vor eben jenen Hexen und anderem bösen Zauber bewahren.

Und auch Plinius der Ältere hatte in seiner Naturalis historiae schon recht überschwänglich von der Lärche berichtet. Einmal von der Lärchensalbe, die gegen allerlei Krankheiten helfen soll. Ausserdem schrieb er, die Lärche sei feuerfest und könne nicht brennen, eine Aussage, die allerdings in das Reich der Fantastereien gehört. Weil da aber offenbar lange niemand einen Faktencheck durchgeführt hatte, galt die Lärche bis in die Neuzeit als Schutzbaum gegen Feuer.

Die Lärchesalbe gibt es noch heute zu kaufen. Eingesetzt wird sie zur Wundbehandlung, bei Bronchitis und anderen Leiden.

Ein weiteres Produkt der Lärche, das heute noch bekannt ist, ist das Venezianische Terpentin. Hergestellt aus dem Harz der Lärche, wird es als Malmittel in der Ölmalerei, für Temperafarbe oder als Firnis verwendet.

Verehrter Baum

Die Lärche hat sogar einen eigenen Wallfahrtsort: Maria Larch bei Gnadenwald in Österreich. Dort wurde im Jahr 1678 eine kleine Kapelle für eine Marienfigur aus Lehm gestiftet. Diese Marienfigur war zuvor an einer Lärche befestigt gewesen und hatte da schon zahlreiche Gläubige angezogen. Heute ist Maria Larch Teil des Jakobswegs.

Im Südtirol in der Nähe des Ortes St. Gertraud, stehen die Ultener Urlärchen, drei Lärchen, die um das Jahr 1150 herum gekeimt haben müssen. Damals war Europa noch im Hochmittelalter, in längst vergangenen Zeiten und Kulturen, mit den Lärchen als stummen Zeitzeugen. Etwas von Alter, Blitzeinschlägen und sonstigem Ungemach gezeichnet, bieten diese Lärchen – neben ihrer historischen Bedeutung – einen wertvollen Lebensraum für zahlreiche Käfer, Vögel, Fledermäuse … Hohe ökologische Amplitude heisst das in der Fachsprache. Ob auch die saligen Frauen dazu gehören, konnte trotz intensiver Recherche nicht endgültig geklärt werden.