Sorbus aria – die fast Perfekte
Das Jahr 2024 ist zwar auch schon wieder ein Weilchen her, doch genau in jenem Jahr war die Echte Mehlbeere (Sorbus aria) der Baum des Jahres. Wohlverdient, denn die Echte Mehlbeere hat fast ausschliesslich positive Eigenschaften. Aber noch immer ist sie nicht so prominent, wie es ihr gebürt.
Als Baum der Zukunft wird sie angepriesen. Als Nahrungsquelle für Tier wie Mensch, somit ökologisch wertvoll und so weiter und so fort. Dort, wo sie sich frei entfalten kann, ist sie tatsächlich der perfekte Baum für den Klimawandel, ihre Hitzetoleranz macht sie auch zu einem idealen Stadtbaum. Die Echte Mehlbeere gehört mit zahlreichen anderen Arten zu der Familie der Rosengewächse (Rosaceae) und wird im besten Fall bis zu zweihundert Jahre alt.
Der kleine Makel
Doch aufgepasst! – nichts auf dieser Welt ist perfekt, nicht einmal die Echte Mehlbeere. Soll eine Echte Mehlbeere als Mischbaumart im Wald bestehen, muss Gehölz drumherum aus dem Weg geräumt werden. Sie wächst sehr langsam. Und sie braucht ein Sonnenplätzchen. Sie ist also nicht konkurrenzfähig, wächst ein Baum einer anderen Art nebenan schneller, dann wars das mit der Echten Mehlbeere. Das ist auch der Grund, warum sie in den heimischen Wäldern selten vorkommt und insgesamt nicht sehr bekannt ist – dem Titel „Baum des Jahres“ zum Trotz. Sie wächst nur in West-, Mittel- und Südeuropa, in einer Höhe von bis zu 1200 m ü. M. In sonnenverwöhnten Südlagen ist sie auch in Höhen von bis zu 2000 m ü. M anzutreffen. Dort sitzt die Tiefwurzlerin fest in trockenen und kalkreichen Böden.
Und so sieht sie aus
Die Echte Mehlbeere hat leicht filzige, etwa zwölf Zentimeter grosse , wechselständige Blätter. Die Blattunterseiten sind weiss behaart. Diese Haare schützen die Echte Mehlbeere davor, in heissen Zeiten zu viel Wasser zu verdunsten. Ihre Blätter sind Nahrungsgrundlage vieler Falterarten.
Sie blüht irgendwann zwischen März und Mai, je nach klimatischen Bedingungen. Zahlreiche weisse Dolden schmücken dann den Baum und ziehen viele Insekten an. Im Juli/August werden aus den Blüten orangerote bis bräunliche Früchte. Diese Früchte sind winterständig und dienen in der kälteren Jahreszeit Standvögeln und verschiedenen Säugetieren als Nahrung. Diese sorgen dann auch für die Verbreitung der Echten Mehlbeere.
Mensch und Mehlbeere
Die Echte Mehlbeere ernährt nicht nur Falter, Bienen, Vögel und Wildschweine. Auch der Mensch hat die Echte Mehlbeere schon lange für sich entdeckt: So schmeckt die Beere allein zwar mehlig (daher der Trivialname), doch in weniger üppigen Zeiten wurde häufig Brotteig mit den getrockneten und gemahlenen Früchten gestreckt. Man kann die Früchte auch zu Marmelade oder Gelee, Branntwein oder Essig verarbeiten. Ein Tee aus den Früchten war in der Volksmedizin als Mittel gegen allerlei Beschwerden bekannt: Husten, Durchfall wurden damit behandelt sowie Nieren- oder Menstruationsbeschwerden. Bei den Kelten galt die Echte Mehlbeere (wie auch weitere Sorbus-Arten) als Schutzbaum gegen böse Geister.
Da die Echte Mehlbeere in unseren Wäldern immer noch recht selten ist, wird ihr hartes Holz hoch gehandelt.
Bei der Paarung nicht wählerisch
Sorbus-Arten kreuzen sich gerne untereinander. Und so ist auch das Kuriosum des „Seltensten Baumes der Welt“ entstanden: Sorbus hohenesteri, die Leutenbacher Mehlbeere. Von dieser Kreuzung, die erst Ende des letzten Jahrhunderts von dem Geobotaniker Adalbert Hohenester entdeckt worden war, gibt es heute noch ein Dutzend Exemplare. Zu finden sind sie im deutschen Landkreis Forchheim in Oberfranken. Dort werden sie auch mit viel Aufwand vor dem endgültigen Verschwinden geschützt.
Aber wer weiss? Die Echte Mehlbeere ist auch nicht wählerisch und aller Wahrscheinlichkeit gibt es auch von ihr einen oder mehrere dieser seltenen Bastarde. Sie sind einfach noch nicht entdeckt worden – eine gute Gelegenheit, sich selbst ein geobotanisches Denkmal zu setzen!