Tilia – die Retterin der Welten
… und wenn sie eines Tages nicht mehr ihren Schatten einmal im Jahr auf das Schloss Habsburg würfe, ginge die Welt unter. Ganz schön viel Verantwortung, die man damit der Linner Linde (Tilia platyphyllos), der berühmtesten Linde in der Schweiz oder zumindest der berühmtesten im Kanton Aargau, zumutet. Weltuntergang hin oder her, Linde und Mensch sind seit jeher eng miteinander verbunden.
Sommerlinden (die Linner Linde eingeschlossen) werden etwa vierzig Meter hoch. Sie gelten als schnell wachsend und können bis zu 1000 Jahre alt werden. Ihre Blätter sind herzförmig, gesägt, beidseits behaart und auf ihrer Unterseite etwas heller als an der Oberseite. So kann man die Sommerlinde auch von der Winterlinde (Tilia cordata) unterscheiden: Die Blätter der Winterlinde sind auf der Oberseite unbehaart und ihre Unterseite hat eine eher blaugrüne Farbe. Die mittlerweile veralteten lateinischen Namen weisen auch auf den Unterschied zwischen den beiden Linden hin. Tilia parvifolia, die kleinblättrige Winterlinde, und Tilia grandiflora, die grossblättrige Sommerlinde. Die Winterlinde bleibt mit einer Maximalhöhe von dreissig Metern insgesamt auch etwas kleiner als die Sommerlinde.
Ein ökologischer Traumbaum
Mitte bis Ende Juni blüht die Sommerlinde, die Winterlinde ist mit von Ende Juni bis in den Juli hinein etwas später dran. Die Blüte beider Lindenarten ist reine Poesie. Dann, wenn der Sommer langsam Fahrt aufnimmt, duftet es überall, wo eine Linde in der Nähe steht, unwiderstehlich, geradezu berauschend. Süss und würzig, ein wenig nach Honig, einfach köstlich. Das finden auch die zahlreichen Insekten, die den Nektar der Linde verspeisen. Von Hummeln ist bekannt, dass sie aus den Blüten Stoffe aufnehmen, die in ihrem Darm dann antiparasitär wirken. Eine Linde kann am Tag bis zu einem Kilogramm Nektar produzieren – je nach Luftfeuchtigkeit und Wärme. Dieses eine Kilo enthält dann etwa 400 Gramm Zucker. Im Frühsommer findet vor allem auch die Lindenzierlaus (Eucallipterus tiliae) grossen Gefallen an der Linde. Diese Laus scheidet dann beträchtliche Mengen Honigtau aus. Der wird auch noch zu gerne von Bienen gesammelt, was dann am Ende schliesslich dem Lindenhonig zugutekommt.
Leben von und mit der Linde
Auch so ein Traumbaum wird gelegentlich von Unbill heimgesucht. Neben der Lindenzierlaus, die keine grossen Schäden am Baum verursacht, gibt es noch einige Lebewesen, die von und mit der Linde leben. So wächst der Linden-Prachtbecherling (Sarcoscypha jurana) im Februar und März auf toten Ästen des Baumes, gut zu erkennen an seiner roten Farbe. Auch gut zu sehen ist ein Befall der Blätter durch die Lindengallmilbe (Eriophyes tiliae). Auf den Blättern finden sich dann rot oder grüne spitzschlanke Nagelgallen. Verliert eine Linde vorzeitig ihre Blätter, hat dort die Lindenspinnmilbe (Eotetranychus tiliarium) gewütet. Das ist hauptsächlich an zu trockenen Standorten der Fall. Die Lindenwanze (Oxycarenus lavaterae) ist zwar gut sichtbar, da die rot-schwarzen Wanzen in grossen Ansammlungen in Herbst und Winter am Stamm hocken, die Linde indes schädigen sie allerdings nicht.
Die Linde und der Mensch
Bei uns Menschen ist die Linde der Baum der Liebe und Gerechtigkeit. Schon die germanischen Völker massen der Linde grosse Bedeutung zu. Bei ihnen war die Linde im Dorf Ort des Gerichts (judicum sub tilia). Diese Tradition hielt sich auch im Mittelalter und sogar bis in das 19. Jahrhundert. Häufig zog man die Äste der Linde in die Breite, um ein Dach über dem Gerichtsplatz zu haben. Aus manch einer geleiteten Linde wurde eine sogenannte Tanzlinde. Diese trugen dann ein Podest, auf dem getanzt werden konnte. Früher Mittelpunkt der Dorffeste, sind sie recht selten geworden. Allerdings gibt es stellenweise tatsächlich neue Tanzlinden.
Lindenblüten enthalten viele Schleimstoffe, Flavonoide, ätherische Öle, Phenolcarbonsäuren und Gerbstoffe. Aus Lindenblüten macht man einen wohlschmeckenden Tee, der durch die ätherischen Öle leicht sedierend wirkt und durch die Schleimstoffe reizmildernd bei trockenem Husten.
Und die Linner Linde?
Die Linde wurde häufig als Friedensbaum nach Kriegen und Epidemien gepflanzt. Eine Legende besagt, die Linner Linde sei nach einem Pestausbruch im 16./17. Jahrhundert vom letzten Überlebenden des Dorfes Linn gepflanzt worden. Neuere Erkenntnisse verweisen diese Geschichte allerdings in das Reich der Volksmärchen. Die Linner Linde ist mittlerweile etwa 800 Jahre alt und hat schon Einiges überstanden: zahlreiche Brände beispielsweise. Und auch den Aberglauben der Dorfbewohner, die im Jahr 1586 die Linde fällen wollten, weil sie vermuteten, eine Hexe stünde mit ihr in Verbindung. Das mit dem Schatten ist übrigens immer noch nicht ganz geklärt: Die eine Legende sagt, die Welt ginge unter, wenn der Schatten der Linner Linde nicht mehr auf das Schloss Habsburg fiele. Die andere Legende behauptet genau das Gegenteil. Manch einer sagt, das mit dem Schatten beziehe sich auf die Herrschaft der Habsburger. Baum und Schloss liegen immerhin etwa zwei Kilometer Luftlinie auseinander, wer hat schon einmal einen zwei Kilometer langen Schatten gesehen?
Wie auch immer, die Linner Linde ist ein grosser, alter und eindrücklicher Baum, um den sich allerlei Werweissen rankt.