Abies alba – die Unsterbliche
Als solche galt sie einst bei den germanischen Völkern. Sie war der Mittwinterbaum und wurde schon in vorchristlichen Zeiten mit Geschenken behangen, um die Götter milde zu stimmen. Ein wenig von dem märchenhaften Nimbus hat sie bis in die heutige Zeit retten können.
Etwas Abenteuergeist und eine gute Portion Vertrauen in die eigenen Fahrkünste oder die des/der Postautofahrers/fahrerin ist schon vonnöten, will man sich auf den Weg ins Val Derborence machen. Die Strasse ist sehr eng und sehr kurvig. Man fährt durch felsige Tunnel und sollte dabei ausgeblendet haben, dass es in der Gegend schon einige Bergstürze gegeben hat. Doch im Val Derborance selbst wartet dann ein echtes Juwel: der letzte Weisstannen-Urwald der Schweiz. Einige Exemplare dort sollen bis zu 600 Jahre alt sein.
Wertvoller Schattenbaum
Die Weisstanne (Abies alba) gehört zu den Kieferngewächsen. Eigentlich wäre sie ein guter Zukunftsbaum, da sie mit ihren dicken Pfahlwurzeln gegen die zunehmende Trockenheit besser gefeit ist als etwa die Fichte. Sie hat einen hohen ökologischen Wert, da eben jene dicken Pfahlwurzeln auch schwere Böden durchdringen, Wasser speichern und Bodenerosion entgegenwirken können. Eben diese Wurzeln schützen die Weisstanne auch vor Windwurf. Dazu verträgt sie noch Schatten recht gut. Und schliesslich bietet sie zahlreichen Insekten und Vögeln ein Zuhause. Doch der Weisstannen-Nachwuchs hat es generell schwer wegen des vielen Rotwilds. Dieses schätzt die weichen Triebspitzen der jungen Weisstannen und gibt dem Jungbaum dann den Rest, indem es schliesslich die Rinde der jungen Bäume abschält.
Wohlduftendes Harz
Das Holz der Weisstanne ist weniger anfällig für Feuchtigkeit als das Holz der Fichte und gilt als wertvolles Bauholz. Es hat keine Harzgänge. Harz produzieren tut die Weisstanne dennoch: Die Rinden der jungen Weisstannen haben sogenannte Harzblasen. Sie sind leicht zu finden auf der glatten Rinde und auch einfach aufzustechen. Einstens als «Elsässer Terpentin» bekannt, wird es heute nur noch selten genutzt. Grund ist der Aufwand in der Beschaffung. Gelegentlich findet es sich noch in verschiedenen Salben und als Lösungsmittel in der Ölmalerei.
Als WaldbesucherIn kann man auch einmal selbst versuchen, eine Harzblase mit dem Daumennagel aufzudrücken. Das Harz ist zwar klebrig, die ätherischen Öle allerdings ein altbewährtes Heilmittel bei Atemwegserkrankungen. Sie wirken entzündungshemmend und schleimlösend. Eine neuere Studie verweist auf einen der zahlreichen Bestandteile des Weisstannenharzes, das Bornylacetat. Es soll den Parasympathikus aktivieren und somit beruhigend wirken.
Wellnessbaum Weisstanne
Die Nadeln der Weisstannen sind übrigens essbar. Kleingehackt und über herzhafte Gerichte gestreut, verleihen sie einen würzig bis zitronigen Geschmack. Auch für Sirup, Tee, und Pesto eignen sie sich (bitte nicht mit den Nadeln der hochgiftigen Eibe verwechseln!). Besonders die jungen Triebe im Frühjahr, Maiwipferl genannt, sollen sehr wohlschmeckend und bestens geeignet für die Herstellung von Sirup sein.
Einem Bad mit Tannennadeln werden wahre Wunder nachgesagt: entspannend, anregend und gut gegen Rheumaschmerzen, und das noch gratis aus dem heimischen Wald.
Berufsfeld Zapfenpflücker
Woran man eine Tanne eindeutig von einer Fichte unterscheiden kann, ist der Zapfenstand. Hängen die Zapfen bei der Fichte nach unten und fallen als Ganzes hinunter, verhält es sich bei der Weisstanne genau gegenteilig: Die Zapfen stehen aufrecht auf den Ästen und fallen dann in Einzelteilen zu Boden. Wie kommen nun also Förster an das Saatgut der Weisstanne? Das ist ein Job für die Sportlichen: Forstwirte mit einer speziellen Ausbildung als Zapfenpflücker klettern in die Wipfel der Weisstannen (das ist der Vorteil der Weisstanne, dass die Zapfen fast alle oben in der Krone sind und nicht an irgendwelchen Seitenästen) und ernten dort die Samen der Weisstanne.
Wem die Fahrt ins Val Derborence zu weit/anstrengend/abenteuerlich ist, dem sei gesagt, dass auch in den Wirtschaftswäldern des Mittellandes gelegentlich alte, charaktervolle Weisstannen zu finden sind.